Die Katze im Käfig

An einem sonnigen, wolkigen,
windigen Frühjahrstag wurde Röschen in den Käfig
gesperrt. Kurz zuvor lag sie noch ganz entspannt auf der Heizung,
ließ ein Bein herunter hängen und schnurrte leise durch
ihren riesigen Schnurrbart. Warum muss das sein?
Röschen wurde mit ihren
beiden Geschwistern vor knapp einem Jahr in einem Gebüsch irgendwo
in dem Ort Hiddenhausen nördlich von Herford geboren und dort von
Mitarbeiterinnen der Tierrettung Herford
gefunden. Ihre junge, schwangere Mutter hatte offenbar jemand dort
ausgesetzt. Um die Kleinen zu retten, kastrieren zu lassen und in
liebevolle Hände weiter zu vermitteln, sind damals von ihrer Mutter getrennt und bei meiner Frau in Pflege
gegeben worden: ein kleiner Tigerkater mit dunkler Nase, ein schwarzes
Kätzchen mit gelben Augen und ein getigertes Kätzchen, das
kleinste der drei, dem meine Frau ihres rosigen Näschens wegen den
Namen Röschen gab.
Röschen war die
Scheueste der drei und hat uns am Anfang ständig angefaucht. Meine
Frau gab sich besonders viel Mühe, Röschens Vertrauen zu
gewinnen, und hatte es nach einem Monat geschafft: Röschen lief
nicht mehr weg, sondern kaum laut schnurrend herbei, wenn meine Frau im
Keller auftauchte, wo wir die drei untergebracht hatten. Leider konnten
sie nicht frei im Haus herumlaufen, weil Motte, unsere alte Katze, sehr
empfindlich ist gegenüber Störungen – und weil wir es
gewohnt waren, unserer Motte alle Wünsche von den großen
grünen Augen abzulesen.
Das Schicksal der drei
Kätzchen nahm zeitweise einen dramatischen Verlauf, weil sich bei
allen drei eine hartnäckige Darmentzündung monatelang hielt
und die Kleinen deshalb ständig Durchfall hatten. Sie kletterten
in unserem Kellerregalen herum, und manchmal tropfte ihnen der
Durchfall auf meine Ordner, die dort standen. Doch nach langem Kampf
kriegte meine Frau auch dieses Problem in den Griff.

Das kleine Röschen (jeweils links) mit ihrem Bruder Luigi
Noch hartnäckiger als der Durchfall war das Nein der Mitmenschen,
die wir immer wieder fragten, ob sie eines unserer drei Kätzchen
aufnehmen wollten. Das Jahr 2009 ging möglicherweise in die
Geschichte ein als das Jahr, in dem in Deutschland die meisten Katzen
abgegeben oder ausgesetzt und die wenigsten aufgenommen wurden. Eine Wirtschaftskrise
traf auf einen zunehmend konservativen Zeitgeist, auf Wettbewerbsgeist,
Mobilität, Härtekult, Sparappelle und permanente
Globetrotterei – schlechte Zeiten für Tiere, die so
ausgesucht nutzlos, unproduktiv, allürenhaft,
liebesbedürftig, sanft, empfindlich, ortsfest, untransportierbar
und kostenintensiv sind wie Katzen.
Nach vielen Monaten der
Suche fand sich schließlich eine Interessentin für den Kater
Luigi. Die schwarze, stets elegante Lillemoor mit ihrem Faible für
dekorative rote Unterlagen konnte meine Frau schließlich ihrer
Freundin und Kollegin anvertrauen, die sich gerade von ihrem
langjährigen Freund getrennt hatte und über Einsamkeit in
ihrem Haus klagte. Übrig blieb Röschen. Ja, Röschen ist
ein bisschen schwierig; sie ist öfter mal ein bisschen fordernd.
Ja, ihr Geschrei kann auch mal nerven. Ja, sie braucht viel
Aufmerksamkeit. Seit ihre Schwester Lilly weg ist, ist sie völlig
auf uns Menschen fixiert. Ja, sie fremdelt etwas. Ja, sie braucht auch
einen Garten, eine Katzenklappe, stets freie Bahn im Haus (die sie bei
uns nicht hat), und Liebe, Liebe, Liebe. Ja, sie ist schwer
vermittelbar.

Katze Röschen im Schnee
Warum muss sie überhaupt weg? Weil sie unsere gute alte Motte
verjagt, wo immer sie sie sichtet. Röschen duldet keine andere
Prinzessin neben sich (was sich im Käfig vielleicht gerade ändert). Und sie ist inzwischen fast doppelt so schwer
wie unsere zarte, wilde Motte.
Die Interessentinnen kamen und
gingen. Sie gingen stets ohne Röschen. Sie fanden, dass sie
Röschen nicht genug geben könnten. Dass sie vielleicht doch
zu oft weg seien. Dass da doch noch Platz für ein zweites Tier
sein müsse. Und dass man vielleicht doch nicht genügend Zeit
habe, sich um die Tiere zu kümmern.
Deshalb brachte meine Frau
unser Röschen, das eigentlich der Tierrettung Herford gehört,
in eine Tierpension. Dort wird sie in einen Käfig gesperrt,
zusammen mit zwei Katern. Wir hoffen, dass sie dort nicht allzu sehr
leidet. Wir vermissen sie. Keine Katze ist so gesprächig wie sie;
keine kann so gekonnt mit ihren Menschen schimpfen wie sie. Keine
erbeutet so stolz die Maus an der Angel wie sie. Keine knurrt so
kampfkatzenmäßig wie sie, wenn fremde Männer vor der
Tür stehen. Keine schnurrt so laut wie sie. Keine hat so ein
süßes Wabbelbäuchlein und so einen stattlichen
Schnurrbart wie sie. Das ist Röschen. Röschen sitzt jetzt im
Käfig. Jeden Tag. Bis Sie Ja zu Röschen sagen und sie retten.
Bitte wenden Sie sich ggf. an die Tierrettung Herford. Kontaktformular